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 Forum Index —› Ausserhalb Deutschlands —› Rekonstruktion Schwarzhäupterhaus Riga
 


Autor Mitteilung
Dirk1975
Moderator

Beiträge: 435


Gesendet: 00:59 - 10.08.2004

In Riga geschehen noch Wunder

50 Jahre nach der Sprengung wurde das Schwarzhäupterhaus vollständig rekonstruiert


Von Wilhelm von Boddien

Das Schwarzhäupterhaus von Riga ist eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Allein im Jahr 2000 begeisterten sich 150.000 Besucher an dem 1341 als Neues Haus der rigischen Kaufleute errichteten gotischen Gebäude: ein zweistöckiger Bau aus rotem Backstein, mit einem Festsaal im Obergeschoss und mehreren Speichergeschossen unter einem großen Satteldach. Der mächtige Giebel zum Rathausmarkt ist mit Skulpturen und kostbaren Arbeiten aus Schmiedeeisen geschmückt. Neptun verkörperte den Hafen, Merkur die Kaufmannschaft, in der Wetterfahne kämpft der Heilige Georg mit dem Drachen. Allegorien auf Eintracht und Frieden versinnbildlichen die Zugehörigkeit Livlands zum europäischen Kulturkreis.

Was der beiläufige Passant nicht ahnt: Das heutige Schwarzhäupterhaus ist eine vollständige Rekonstruktion. Vor sieben Jahren wurde in der Baugrube mit den freigelegten, nur geringen Überresten der alten Fundamente der Grundstein gelegt, schon 1999 erfolgte die Einweihung. Alle repräsentativen Veranstaltungen der Stadt Riga, aber auch bedeutende Ereignisse Lettlands finden in dem herrlichen Festsaal im Dekor des ausgehenden 19. Jahrhunderts statt, unter reichen Kristallleuchtern und mit höfisch prunkvoll gerahmten Gemälden der Zaren Russlands und der schwedischen Könige.

Das Schwarzhäupterhaus diente von Anfang an als Sitz der rigensischen Kaufmannsbruderschaften. Im ausgehenden Mittelalter heißt es auch "König-Artus-Hof", in der Tradition der in Preußen entstehenden Gildehäuser. 1477 wird es Sitz der Compagnie der Schwarzen Häupter, deren Schutzpatron der Heilige Mauritius ist, der Beschützer der Kriegführenden. Ihren Namen leitet sie aber nicht von dessen dunkler Hautfarbe ab, sondern wohl eher von der schwarzen Sturmhaube, dem Kopfschutz der gewappneten Kriegsknechte, lag Riga doch immer in einer unruhigen Region Europas. Das Wappenschild der Schwarzhäupter zeigte jedoch seit jeher ein Mohrenhaupt. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 mussten die deutschstämmigen Schwarzhäupter Riga verlassen und haben seitdem ihren Sitz in Bremen.

Oft wird das Haus in den Jahrhunderten umgebaut, Ende des 16. Jahrhunderts weicht der ursprüngliche Stufengiebel einem aus Backstein, geschmückt mit reichen, aus hellem Sandstein gemeißelten Verzierungen. Die letzten Umbauten, insbesondere am benachbarten Haus Schwabe, finden erst 1891 ihr Ende. Jetzt erhält auch dieses einen ähnlich prächtigen Giebel im Stil der Renaissance, verwächst zu einer Einheit mit dem Schwarzhäupterhaus. Mit dem Rathaus gegenüber, der Rolandsstatue auf dem Marktplatz und der mit einem herrlichen Barockturmhelm vollendeten gotischen Petrikirche bildet es ein unverwechselbares Ensemble Rigenser Identität.

Am 29. Juni 1941 wird Riga von den deutschen Truppen beschossen und eingenommen. Rathaus, Schwarzhäupterhaus und Petrikirche sinken in Trümmer, während die übrige Stadt fast unzerstört den Krieg überdauerte. 1948 scheiterten alle Bemühungen, die Ruinen zu konservieren, das Rathaus und das Schwarzhäupterhaus werden gesprengt, um einem modernen, weitläufigen Platzensemble zu weichen. Beide Gebäude wurden restlos abgetragen, die Kellerfundamente zugeschüttet. Ein öder Platz entstand, bebaut zur Düna hin mit dem Quaderriegel des Museums für die lettischen Roten Schützen.

Dennoch gab es schon in der sowjetischen Zeit Lettands immer wieder Bestrebungen, das verlorenen Altstadtensemble zu rekonstruieren. Mit dem Wiederentstehen Lettlands im Jahre 1991 wurde eine Studie zur Rückgewinnung des alten Ensembles in Auftrag gegeben. In der wiederaufgebauten Petrikirche fand eine Ausstellung mit Bildern und Fragmenten des alten Ensembles statt und rückte es damit wieder ins Bewusstsein der Rigenser, die nur noch verschwommene Erinnerungen daran hatten. Man sollte mit der Ausstellung erfassen, was früher der Rathausplatz für die Stadt eigentlich bedeutete und wie er heute wieder in sie integriert werden könnte.

Aus dieser Schau erwuchs das Projekt der Wiederherstellung Alt-Rigas. Für das arme Lettland war dies eine ungeheure Kraftanstrengung, aber zugleich auch sichtbares Zeichen seines Bekenntnisses zu seiner Kulturgeschichte und seines Willens, nach Mitteleuropa zurückzukehren. Auch das alte Rathaus ist in seiner letzten Baugestalt wieder unter Dach und wohl bald fertig, sein Turm erhält gerade die barocke Spitze. Interessanterweise hat man jeweils den letzten Bauzustand wiederhergestellt, also am Schwarzhäupterhaus den der Jahrhundertwende. So ist eine interessante Mischung aus Bauteilen aus sechs Jahrhunderten entstanden: im Inneren der Festsaal im neobarocken Dekor, mit originalgetreuen Kopien der Kristallleuchter und der riesigen Kaiser- und Königsbilder, in handwerklicher und künstlerischer Perfektion. Schon in wenigen Jahrzehnten wird es durch die einsetzende Patina nicht mehr vom Original zu unterscheiden sein. Riga hat damit im Zentrum sein historisches Stadtbild zurückgewonnen, seine alten Wurzeln, seine Identität.


Wilhelm von Boddien ist Unternehmer in Hamburg und Vorsitzender des Fördervereins Berliner Stadtschloss.

Quelle:http://www.welt.de/daten/2002/01/16/0116kar308131.htx
Dirk1975
Moderator

Beiträge: 435


 

Gesendet: 01:01 - 10.08.2004

Das aktuelle Bild auf der Startseite zeigt das Schwarzhäupterhaus.


Hier ein historisches Bild:

http://www.itl.rtu.lv/RigaConf2000/melngalvji.html
Weißer Wolf
Senior-Mitglied

Beiträge: 463


 

Gesendet: 01:48 - 10.08.2004

Hach ja, wie herrlich doch die klassische Bauweise ist. In dieser Form bräuchten wir auch mal Neubauten in unseren Hansestädten. Mit Giebeln und reichlich Schmuck.
Hans-Dominik Schwabl
Mitglied

Beiträge: 120


 

Gesendet: 23:16 - 10.08.2004

Was wir brauchen, sind nicht unbedingt Rekonstruktionen, was wir aber wieder lernen müssen, ist, identitätsstiftende Bauten dieser Qualität herstellen zu können. Um das zu lernen, sind die Rekonstruktionen sicher ein sehr guter Weg.
Weißer Wolf
Senior-Mitglied

Beiträge: 463


 

Gesendet: 23:31 - 10.08.2004

Da hast du natürlich recht, lieber Hans aber es kann nicht sein, dass wir alles mit modernem sterilen Müll zubauen und dann sagen, bloß weil die Moderne plötzlich in gewissen Gebieten die Oberhand hat, dass dies nun Identitätsstiftend sei, denn diese steirlen Gebäude erwecken keine Identität oder emotionale Gefühl zu diesen aber wenn ein Ort vorwiegend damit geprägt wurde (leider), so könnte man auch behaupten, es sei die neue Identität und damit bringt uns dies widerum nicht weiter. Dann reißt man alle Städte ab, baut sterile Schachteln und sagt, nun habt ihr eure neue Identität und jedes sterile Quadrat ist somit ein identitätsstiftendes Gebäude.
Hans-Dominik Schwabl
Mitglied

Beiträge: 120


 

Gesendet: 17:35 - 11.08.2004

Was ich sagen wollte ist, dass alle noch so schönen Rekonstruktionen und die Pflege alter Städte letztlich nichts helfen, wenn wir die alten Bautraditionen nicht wiederbeleben und weiterführen lernen - aus dem traditionsfeindlichen "rationalen Bauen" wird nie etwas anderes als eine Architektur von solitären Großplatiken oder eine Kontrastarchitektur, die gerade in den sehr seltenen gelungenen Fällen vom Weiterbestehen der alten traditionellen Bauumgebung lebt. Daß im Laufe der Zeit daraus eine neue lebendige, nicht in starre Stilschemata eingezwängte Architektur erwachsen kann, war von Anfang an eine unsinnige Erwartung, die nach 85 Jahren nicht realistischer geworden ist.
Weißer Wolf
Senior-Mitglied

Beiträge: 463


 

Gesendet: 17:59 - 11.08.2004


Ich möchte etwas loswerden, dass mir in den Gedanken umherschwirrt. Damit möchte ich nichts böses aussagen. Am besten, man liest es sich einmal durch.

Traditionsfeindlich... Betrachten wir uns diese Welt. Völker, Länder, alle stehen sie am Scheideweg ihre Identität zu verlieren. Globalisierung kann man darum mit modernen Gebäuden vergleichen. Alles soll gleich steril sein. Ich bin für Unterschiede und gegen diese Gleichmacherei. Architektur ist Heute weltpolitiisch und alt-wissenschaftlich bzw. technisch geprägt. Damit wird Architektur missbraucht. Nebenbei ist Architektur nur ein Punkt von der Kultur eines Landes. Und wir müssen uns darum nicht nur unserer Architektur sondern auch unserer eigenen Kultur und Tradition bewusst werden die mit dem Anbruch der Moderne und dann durch Hitler und daraufhin durch die Verdrängung "wer man selbst ist" geschaffen. Jedes Volk hat die Pflicht wie ich finde, sich selbst und seine Traditionen sowie Kultur zu schützen. Ohne diesen Dingen kann eine Gesellschaft nicht gesund leben, was wir doch an unser eigenen feststellen können. Wer interessiert sich denn für Kultur ? Der wird doch als rückwärtsgewandt oder als rechts diffamiert. Es hat gewiss etwas damit zu tun ob man für Traditionen und Kulturen steht, ob man nationalistisch ist oder nicht. Dieses Wort wurde schwer missbraucht. Nationalistisch sagt nichts anderes aus, als dass man jede Nation dieser Erde in seiner Eigenart respektiert und toleriert aber die seine eigene liebt, denn Identität brauchen alle Menschen und die Vielfalt auf diesem Planeten machen doch erst den Reiz aus. Zu denken, dass diese Denkweise Krieg bringen muss ist falsch. Das hängt doch dann auch noch mit anderen Faktoren zusammen. Aber das alleine bringt bestimmt keinen Krieg. Ob man andere Unterschiede akzeptiert ist nicht damit verbunden ob man sein eigenes Volk liebt und damit seine eigenen Traditionen. Ich bin schließlich auch ein sehr friedliebender Mensch. Und der Kapitalismus der sich als die goldene Mitte zwischen links und rechts darstellt, kommt auch nicht ohne Negativerscheinungen aus. Immer weniger haben mehr Geld und immer mehr werden ärmer. Wasser und andere Ressourcen werden in gewissen Erdteilen privatisiert und manche können sic nichtmal Wasser leisten. Dieses System stellt sich als die Mitte dar. Links zu sein bringt mit sich, dass man vieles durchgehen lässt wodurch ein Werteverfall erst entstanden ist. Bringt mit sich, dass man am liebsten so viel Multikulturellität auf Erden hätte, dass jedes Volk untergehen würde, weil es seine Identität verlieren würde und dann bräuchten wir hier gar nicht sitzen und un´s um Architektur kümmern, denn diese wäre ein Bildnis aus vergangenen Zeiten, deren Identität nicht mehr auf uns zutreffen würde, da wir keine hätten. Wer würde sich denn schon für diese Traditionen einsetzen, wenn niemand einen bezug dazu hat ? Und im weiteren Verlauf ist die Linke Seite sehr groß. Es gibt viele Kulte, Sekten, Anarchisten, Diktatur kann auch entstehen. Und aus Identitätsverlust entsteht vor allem Gewalt.

Medien und vieles mehr wird Links beherrscht. Sobald sich jemand meldet, er möchte eine Rekonstruktion gibt es sofort Warnungen, er könnte rechts sein. Wenn es bedeutet rechts zu sein, dann bin ich es wohl aber ich werde dann garantiert vervorurteilt und falsch dargestellt als dass ich in Wahrheit bin. Und das nur, weil mir Traditionen und Kulturen wichtig sind ? Das ist aber schon eine Frechheit. Also würde ich nur akzeptiert, wenn mir diese Dinge egal sind, mir Deutschland und jedes andere Land auch egal sind. Und da viele so erzogen wurden, von Medien und anderen Dingen, fehlt ihnen eine Orientierung und das höchste aller Gefühle ist das Geld sowie der Materialismus.

Ich behaupte mal etwas. Wäre jedes Land nationalistisch, sodass es seine Kultur, seine Werte, seine Traditionen, sein Volk schützen würde und würde es jedes andere Land akzeptieren und tolerieren in ihren Eigenarten und wenn dann auch jedes bis zu einem begrenzten Teil multikulturell wäre, die sich integrieren würden und wäre nicht Geld und Materialismus sondern Kultur die Erziehung und die Erfüllung der Gesellschaft, sehe die Welt um einiges friedlicher und schöner aus. Davon bin ich überzeugt. Das bedeutet, einige Schritte müssen wir zurück gehen, einige Jahrhunderte und gleichwohl in unserem Geist der Wissenschaft und der Bewahrung aller Kulturen der Erde einige Schritte nach vorne. Aber da wo wir Heute stehen, da geht es nur in Richtung Abgrund und darum ist es ein sehr schlimmes Problem, welches wir haben, dass mit Kulturverlust zu tun hat. Und zwar seit 80 Jahren.

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